Wenn die Seele Trauer trägt: Über Suizid muss man reden

„Es ist unglaublich, wie viel Kraft die Seele dem Körper zu leihen vermag“, bemerkte schon der preußische Gelehrte, Schriftsteller und Staatsmann Wilhelm von Humboldt. Und in der Tat: Schon ein altes Sprichwort verheißt, dass der Glaube Berge versetzen kann. Was aber, wenn die Seele als Epizentrum der positiven Selbstmotivation aus den Fugen gerät und statt Regenbogenfarben Dunkelgrau die Alltagswelt vertrübt? Anlässlich des Welttags der seelischen Gesundheit am 10. Oktober steht Suizid-Prävention im Vordergrund: Wie helfen, wenn der Partner leidet und was tun, wenn Freunde, Kollegen, Nachbarn mit dem Leben hadern und das Tabuthema Selbstmord unausgesprochen im Raum steht?

Erhöhtes Suizid-Risiko

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Jedes Jahr sterben in Deutschland geschätzt rund 10.000 Menschen durch Suizid – und damit mehr als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten, illegale Drogen und Aids zusammen. Ein sinkender Wert, der allerdings nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass es bei der Suizid-Prävention nach Meinung von Experten noch viel Aufklärungsbedarf gibt. Professor Dr. Thomas Messer, Chefarzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Danuvius-Klinik im oberbayerischen Pfaffenhofen, geht davon aus, dass bis zu 90 Prozent aller Selbsttötungen im Bezug zu einer psychischen Erkrankung steht und Depressionen, manisch-depressive Erkrankungen, Psychosen und Suchterkrankungen ein erhöhtes Suizid-Risiko bergen. „Aber es gehören auch andere Faktoren dazu. Vor allem Menschen, die zum Beispiel alt und krank sind, sich isoliert fühlen oder eine mangelhafte soziale Unterstützung haben und insbesondere dann vereinsamt sind, haben beispielsweise ein höheres Risiko, daran zu denken“, so Messer.

Betroffene gefühlvoll ansprechen

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Vielfach scheuen Menschen, die beim Gegenüber Anzeichen aufkommender oder manifester Suizidgedanken bemerken, diese offen anzusprechen. Tatsächlich wurde früher davon abgeraten, in der Annahme, dadurch einen Suizid auszulösen. „Das hat sich so nicht bestätigt. Allerdings sollte die Ansprache in einem vertrauensvollen Gesprächskontakt stattfinden – behutsam, ruhig und vor allem sachlich. Aber dann auch Hilfsangebote, die es durchaus gibt, benennen – wie beispielsweise die Deutsche Depressionshilfe und die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention“, sagt Messer und bemisst darüber hinaus auch dem Hausarzt eine große Rolle zu, der möglicherweise den Kontakt zu einem Facharzt oder zu einer Klinik bahnen könne.

Positive Gedanken helfen

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Um psychisch schwere Zeiten zu meisten, ist grundsätzlich eine gewisse emotionale Stabilität hilfreich: „Man sollte etwas dafür tun, das Selbstwertgefühl und auch das Selbstvertrauen zu stärken. Entscheiden sind starke persönliche Beziehungen zur Familie, zu Angehörigen und Freunden“, sagt Messer und sieht hier Qualität anstatt Quantität im Vordergrund. Zum seelischen Wohlbefinden könne auch ein aktiver Lebensstil und die Möglichkeit, positive Gedanken zu entwickeln, beitragen.

Schlaflosigkeit verstärkt Suizidgedanken

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Dass Schlaflosigkeit Suizidgedanken verstärkt, hat unterdessen eine US-amerikanische Studie bestätigt. Forscher des Medical Colleges of Georgia fanden heraus, dass vor allem Patienten, die unter einer schweren Form der Krankheit leiden, von der Einnahme von Schlafmitteln profitieren. Obwohl bereits mehr als 30 Studien einen Zusammenhang zwischen Schlaflosigkeit und Suizidgedanken hergestellt haben, untersuchte die „REST-IT“-Erhebung erstmals, ob eine gezielte Behandlung des Schlafproblems das Selbstmordrisiko verringern kann. Die Forschungsergebnisse legen nahe, dass die gemeinsame Verschreibung von Schlafmitteln und Antidepressiva, zumindest zu Beginn ihrer Einnahme, für Patienten mit schweren Schlafstörungen und mit Suizidgedanken Vorteile bringen könnte.

Fokus auf junge Menschen

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Ein besonderes Augenmerk verdient aktuellen Untersuchungen zufolge die Situation junger Menschen: Jedem achten Todesfall unter deutschen Jugendlichen liegt ein Suizid zugrunde. Die Gründe sind vielfältig, aber es fällt auf, dass die Suizidrate an den ersten zwei Schultagen nach Ferienende deutlich erhöht ist: Während der Schulferien sinkt die Wahrscheinlichkeit um 19 Prozent. Für Gesundheitsökonomin Dörthe Heger vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) deutet das darauf hin, dass ein gewisser Zusammenhang zwischen Schule und psychischen Krisen von Jugendlichen besteht. Etwa 221 Jugendliche zwischen sechs und 19 Jahren verüben in Deutschland pro Jahr Selbstmord – deutlich mehr Schüler als Schülerinnen. Auf die Frage, warum, sich Jugendliche vermehrt nach Ferienende das Leben nehmen, haben die Wissenschaftler vom RWI keine eindeutige Antwort. Heger plädiert dafür, dass besonders in der sensiblen Phase nach Ferienende Suizid-Prävention an Schulen betrieben und auf Hilfsangebote hingewiesen werden sollte: „In jedem Fall sollten Eltern, Lehrer und Akteure der Bildungspolitik die psychische Verfassung der Schüler und die Gefahren von Mobbing und Schulstress noch stärker in den Blick nehmen, insbesondere an den ersten Tagen nach den Ferien“, so Heger.

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Eine Übersicht zu weiteren Beratungsstellen, an die sich Betroffene, Angehörige und Freunde auch anonym, telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich wenden können, finden Sie hier und beim NaSPro (Nationales Suizidpräventionsprogramm für Deutschland).

Falls Sie sich gerade in einer schweren Lebensphase befinden und Ihre Gedanken ständig darum kreisen, sich das Leben zu nehmen, dann suchen Sie den Kontakt. In akuten Gefahrensituationen sind psychiatrische Notfallambulanzen sowie die Telefonseelsorge (0800-1110111, 0800-1110222 oder online unter www.telefonseelsorge.de) rund um die Uhr kostenlos erreichbar.

Speziell für Kinder und Jugendliche gibt es die „Nummer gegen Kummer“, die montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr unter Telefon 116 111 erreichbar ist.

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