Wer ständig nah sieht, hat das Nachsehen

„Wenn Du zu viel Fernsehen guckst, bekommst Du viereckige Augen“ – diesen Spruch kennen zumindest die Älteren. Und auch wenn die Augen trotz viel Bildschirmzeit natürlich nicht wirklich in der beschriebenen Weise ihre Form verändern: Zuviel ist nicht gut und zu früh bezogen auf das Lebensalter erst recht nicht. Aktuelle Studien liefern neue, teils aber auch widersprüchliche Erkenntnisse.

MRT zeigt Veränderungen

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Wissenschaftler des Cincinnati Children’s Hospital Medical Center (CCHMC) im US-Bundesstaat Ohio untersuchten Vorschulkinder. Sie fanden heraus, dass jene, die lange Zeiten vor dem Fernseher beziehungsweise am Computer oder Smartphone verweilten, in der Magnetresonanztomografie (MRT) Veränderungen in der sogenannten Diffusions-Tensor-Bildgebung aufwiesen. Dieses Verfahren wird verwendet, um molekulare Veränderungen unter anderem im Gehirn nachzuweisen. Die festgestellten Abweichungen deuten die Forscher in ihrer Querschnittsstudie als mögliche Störung der Hirnentwicklung.

Richtwerte für Kinder

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Aus Sorge um negative Folgen aus zu viel Bildschirmzeit rät die Vereinigung US-amerikanischer Kinderärzte (American Acadamy of Pediatrics, AAP) Eltern, Kindern zwischen zwei und fünf Jahren maximal eine Stunde täglich zu erlauben – und dies auch nur gemeinsam mit den Eltern. Die Welt­gesund­heits­organi­sation geht noch weiter und spricht sich in den ersten fünf Lebensjahren für ein vollständiges Verbot aus. Auch die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG), die Vereinigung deutscher Augenärzte, empfiehlt, dass Kinder unter drei Jahren weder PC noch Smartphone oder Tablet nutzen sollten. Zwischen vier und sechs Jahren sollten es täglich nicht mehr als 30 Minuten sein – eine Zahl, die auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung teilt. Grundschüler sollten aus augenärztlicher Sicht nicht mehr als eine Stunde und ab zehn Jahren maximal zwei Stunden pro Tag am Bildschirm verbringen. Dieser Sichtweise widersprechen britische Forscher der University of Oxford. In ihrer Studie erklärten die Wissenschaftler, es gebe nur wenige eindeutige Beweise dafür, dass die Bildschirmzeit das Wohlbefinden von Jugendlichen beeinträchtige.

Hoher ScreenQ negativ

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Ob die intensive Nutzung den Kindern tatsächlich schadet oder auch eine Möglichkeit bietet, das Gehirn zu trainieren, ist weiterhin unklar. Das CCHMC-Team um John Hutton untersuchte 47 Kinder im Alter von 54 Monaten untersucht, die im Durchschnitt mit 18 Monaten erstmals Kontakt zu Bildschirmgeräten hatten und pro Tag 1,5 Stunden dort verbrachten: Verglichen wurde mit Kindern ohne Bildschirmzeit und solchen, die bis zu 12 Stunden dort verbrachten. Der von den Forschern entwickelte „ScreenQ“ lag zwischen einem und 19 Punkten, mit dem die Einhaltung der AAP-Empfehlungen gemessen wurde – je höher dieser Wert lag, desto stärker die Abweichung.

Suboptimale Stimulation

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Zuerst wurde in drei Sprachtests Wortschatz, Aussprache und erste Lesefähigkeiten untersuchten: Dabei zeigte sich in allen Tests, dass Kinder mit einem hohen ScreenQ schlechter abschnitten. Allerdings waren die Ergebnisse dennoch nicht ganz eindeutig, da sie stark vom Haushaltseinkommen beeinflusst wurden, weil Kinder aus wohlhabenderen Familien nach Erkenntnissen der Experten häufig früher sprechen lernen. In Verbindung mit den MRT-Veränderungen würfen laut Studienleiter John Hutton die Ergebnisse die Frage auf, ob zumindest einige Aspekte der bildschirmbasierten Mediennutzung in der frühen Kindheit zu einer „suboptimalen Stimulation während dieses schnellen, prägenden Stadiums der Gehirnentwicklung“ führen könnten.

Widerspruch aus Oxford

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Ein Ansatz, den die britischen Wissenschaftler der University of Oxford so nicht teilen mochten: Sie kamen zu dem Ergebnis, dass eine moderate Bildschirmzeit von etwa zwei Stunden am Tag für Kinder gesünder sei als komplett von Smartphones, Fernsehern und Computern abgekapselt zu sein. In Maßen hätten diese Geräte sogar positive Auswirkung auf das soziale und emotionale Wohlbefinden. Für ihre Studie werteten die Wissenschaftler drei national repräsentative große Datensätze aus Irland, den Vereinigten Staaten und dem Vereinigten Königreich aus. Im Ergebnis seien, so Studienleiter Andrew Przybylski, wenig Anhaltspunkte für erhebliche negative Zusammenhänge zwischen der Beschäftigung mit digitalen Bildschirmen – tagsüber oder vor allem vor dem Zubettgehen – und dem Wohlbefinden von Jugendlichen gefunden worden.

35.000 Datensätze ausgewertet

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„Rufe nach kompletten Verboten von Technologie oder Altersbeschränkungen für ihre Verwendung sprechen demnach nicht nur gegen die Beweislage, sondern sind sogar unethisch, vor allem weil Bildschirmzeit in einigen Fällen sogar einen positiven Effekt hatte“, so Przybylski nach der Auswertung der 35.000 Datensätze. Es zeigte sich nach Darstellung der Experten, dass Kinder, die pro Tag ein bis zwei Stunden vor dem Bildschirm verbrachten, eine bessere psychische Verfassung hatten als Kinder ohne Bildschirmzeit. Wie die Studie weiter ermittelte, zeigten sich Zeichen einer verschlechterten psychologischen Verfassung erst nach mehr als vier Stunden am Bildschirm, nach mehr als fünf Stunden nehmen sie signifikant zu.

Inhalte wichtiger als Dauer

Studienleiter Przybylski legt den Fokus weniger auf die Dauer, denn auf die Inhalte: „Nur wenige Kinder nutzten Geräte mit Bildschirmen regelmäßig genug, um dadurch eine schlechtere psychologische Befindlichkeit aufzuweisen. Stattdessen ist beispielsweise entscheidend, was auf dem Bildschirm gezeigt wird und inwieweit Betreuer die Bildschirmzeit mäßigen“, so der Forscher.

Immer mehr Kurzsichtige

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Aus augenärztlicher Sicht steht die wachsende Zahl kurzsichtiger Menschen in Deutschland in direktem Zusammenhang mit der zunehmenden Handy- und Smartphone-Nutzung. Die Gutenberg-Studie, eine Langzeitbeobachtung der Mainzer Universitätsmedizin, beobachtet, dass vor allem der Anteil junger Menschen mit Kurzsichtigkeit stark gestiegen ist – fast jeder zweite 25-Jährige ist betroffen, mehr als jeder dritte Deutschen an Kurzsichtigkeit. Neben zu viel Nah-Sehen, wie es bei der Nutzung von Handys oder Smartphones der Fall ist, machen Augenärzte und Forscher einen Mangel an Tageslicht für die Entwicklung verantwortlich.

Schon Grundschüler kurzsichtig

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Beim Lesen und bei intensiver Nutzung des Smartphones muss das Auge ständig nah fokussieren, dadurch wächst der Augapfel in die Länge. Im Ergebnis sehen Kurzsichtige das Nahe scharf, weiter entfernte Objekte sind aber nur unscharf erkennbar. Dass schon viele Grundschüler kurzsichtig sind, also eine Myopie aufweisen, ist aus Sicht der Augenärzte deshalb besorgniserregend, weil sie sich stärker ausprägt, je früher sie beginnt. Auch wenn Kurzsichtigkeit nicht heilbar ist, sollten Betroffene eine Brille oder Kontaktlinsen tragen und die Sehstärke regelmäßig überprüfen lassen – andernfalls kann sich die Kurzsichtigkeit weiter verstärken.

Risiko für weitere Krankheiten

Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG) warnt davor, Kurzsichtigkeit auf die leichte Schulter zu nehmen: „Es bedeutet nicht nur das Tragen von Brillen oder Kontaktlinsen. Kurzsichtige Menschen haben auch ein größeres Risiko für schwerwiegende Folgen wie Netzhautablösung, Schädigung der Makula oder zu erhöhtem Augeninnendruck, der zu grünem Star führt“, erklärt Professor Dr. med. Bettina Wabbels, Leiterin der Abteilung Orthoptik, Neuro- und pädiatrische Ophthalmologie an der Universitäts-Augenklinik Bonn.

Licht und Weite fürs Auge

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Um dem Auge etwas Gutes zu tun, braucht es aus augenärztlicher Sicht nicht viel: Wer oft bei Tageslicht draußen ist, profitiert gleich doppelt – der Blick in die Weite ist gut und das helle Tageslicht hemmt das Längenwachstum des Augapfels durch die Freisetzung von Dopamin. Je mehr sich beispielsweise ein Kind im Tageslicht aufhält, desto höher ist der Dopaminspiegel in seiner Netzhaut. Eine im Fachblatt „Jama“ veröffentlichte Studie ergab jedoch, dass nur 40 Minuten im Freien pro Tag das Risiko für eine Kurzsichtigkeit um fast ein Viertel reduzieren können. Wichtig ist die Helligkeit: Professor Frank Schaeffel vom Forschungsinstitut für Augenheilkunde an der Uni Tübingen benennt Beleuchtungsstärken von rund 10.000 Lux ausgesetzt werden – dieser Wert wird an einem leicht bewölkten Sommertag erreicht. Zum Vergleich: Im Klassenzimmer werden etwa 500 Lux erreicht.

Bildschirmpausen wichtig

Wer beruflich lange am Bildschirm arbeitet, sollte stündlich eine kleine Pause machen: Einmal pro Stunde aus dem Fenster in die Ferne schauen oder für eine Minute die Augen schließen, durch regelmäßiges Lüften die Luftfeuchtigkeit in Büros erhöhen, bewusstes Blinzeln gegen trockene Hornhaut und eine gute Ausleuchtung des Arbeitsplatzes sind ein paar Tipps, die den Augen guttun.

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